Bretonische Sardine von Jan Hartwig

Kulinarische Stern-Stunden in München

RIEDEL Magazin, Ausgabe 02 Sommer 2026 | Text: Stephanie Geiger | Lesezeit: 6 Minuten

München hat es geschafft. Während die deutsche Spitzengastronomie einen spannenden Transformationsprozess zwischen puristischer Regionalität und globaler Avantgarde durchläuft, untermauert München im Guide Michelin 2026 eindrucksvoll den Ruf als unangefochtene Haute-Cuisine-Hauptstadt. Mit einer Dichte an Sternen, die im bundesweiten Vergleich ihresgleichen sucht, bietet die bayerische Landeshauptstadt eine besondere gastronomische Bühne, auf der handwerkliche Perfektion auf kosmopolitische Lässigkeit trifft.

Sternekoch Tohru Nakamura an der Durchreiche seines Münchner Restaurants Schreiberei.
Tohru Nakamura ist eine feste Größe in Münchens Sterneküche.

Münchens Sternerestaurants und das Gesicht der modernen Küche

Tohru Nakamura ist das Gesicht der modernen Münchner Gastronomie. Als gebürtiger Münchner mit deutsch-japanischen Wurzeln ist er ein echter Publikumsliebling. Der Lokalmatador steht für kreative Weltläufigkeit mit Münchner Seele. Seine Küche in der Schreiberei, die den Bogen von Japan nach Frankreich spannt, muss den internationalen Vergleich mit Paris oder Tokio keineswegs scheuen.

Sternekoch Jan Hartwig in Kochjacke in der geöffneten Eingangstür seines Restaurants JAN.
Jan Hartwig vor dem Restaurant JAN

Kulinarische Feuerwerke

Jan Hartwig, dem der Ruf des Perfektionisten anhaftet, ist momentan wohl der am meisten gefeierte Sternekoch Münchens. Nachdem er im Atelier im Bayerischen Hof drei Michelin-Sterne hielt, hat er mit seinem eigenen Restaurant JAN im Museumsquartier einen Raketenstart hingelegt. 2023 wurde er aus dem Stand mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet – und dabei ist es bis zum heutigen Tag geblieben. Und bis heute zündet er mit „Hackbraten“, „Senf-Ei“ oder „Handkäs mit Musik“ ein kulinarisches Feuerwerk nach dem anderen.

Und bis heute zündet Jan Hartwig mit „Hackbraten“, „Senf-Ei“ oder „Handkäs mit Musik“ ein kulinarisches Feuerwerk nach dem anderen.

Weltklasseniveau mit höchst individuellen Handschriften serviert auch die Münchener Zwei-Sterne-Gastronomie. Am Atelier im Bayerischen Hof, das Jan Hartwig viele Jahre eine große Bühne bot, führt seit April 2026 Kevin Romes Regie. Romes, Jahrgang 1991, zählt zu den vielversprechendsten Küchenchefs seiner Generation. Zuvor war er seit 2022 Chef de Cuisine im Skin’s – The Restaurant in Lenzburg in der Schweiz. Kurz nach der Eröffnung wurde das Restaurant mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Prägend war für Romes auch die Zeit als Sous-Chef im Restaurant IKIGAI im Schloss Elmau.

Nur wenige Gehminuten vom Marienplatz entfernt hat Christoph Kunz im KOMU das Küchenzepter in der Hand. Mittags im Vier-Gänge-Menü, am Abend im Menü mit acht Gängen ist die Küche dort wunderbar geschmacksintensiv, aber klar durchdacht. Mit nur drei Hauptkomponenten gelingen Christoph Kunz Geschmacksoffenbarungen.

Im Tantris, der Gastro-Ikone Münchens mit dem zum Kult gewordenen markanten 70er-Jahre-Design, spielen Benjamin Chmura und sein Team gerne mit säuerlichen Geschmackskomponenten. Etwa bei der angegrillten Taubenbrust mit einer Sauce aus roten Beeren. Im Tantris gibt es am Abend ein Menü mit sieben Gängen, das auch vegetarisch serviert werden kann, mittags eines mit fünf Gängen. Neben dem Original überzeugt übrigens auch das Tantris DNA – ausgezeichnet mit einem Stern. Für die Küche hier ist ebenfalls Benjamin Chmura verantwortlich. Zusätzlich zu neuen Kreationen werden dort Klassiker aus fünf Jahrzehnten Tantris serviert.

Genuss mit Sternen

Gedeckte Tische im Goldenen Zimmer des Alois mit gemusterter Wandbespannung und Marmorkamin.
Erstklassig dinieren im Goldenen Zimmer des Alois – Dallmayr Fine Dining

Aus der Riege der Münchner Zwei-Sterne-Köche sticht Rosina Ostler als einzige Frau besonders hervor. Im Alois – Dallmayr Fine Dining verbindet sie ihre bayerischen Wurzeln mit klassisch-französischen und nordischen Einflüssen. Wem bis zu 17 Gänge zu viele Eindrücke liefern, der sollte sich Freitag und Samstag vormerken. An diesen Tagen gibt es zu Mittag neben dem vollständigen Menü einen 8-Gänge-Business-Lunch.

Viele kreative Ideen findet man auch in den Ein-Sterne-Restaurants der Gourmethauptstadt München. Im Les Deux, nur wenige Schritte von der Frauenkirche entfernt, zaubern Nathalie Leblond und ihr Team leichte Menüs mit Finesse und Intensität. Im Showroom unweit des Deutschen Museums serviert Dominik Käppeler alle zwei Wochen ein neues Menü, mit sechs bis acht Gängen und spannenden Kontrasten wie „Garnele, Pfifferlinge, Fenchel, Zwetschge“. Das Sparkling Bistro in der Amalienpassage ist weit mehr als ein Bistro. Jürgen Wolfsgruber, der ein unverkennbares Faible für Produkte aus seiner österreichischen Heimat hat, bietet am Abend das Gustostückerl-Menü mit fünf Gängen, zu Mittag ein viergängiges Marktmenü.

Im Les Deux, nur wenige Schritte von der Frauenkirche entfernt, zaubern Nathalie Leblond und ihr Team leichte Menüs mit Finesse und Intensität.

In der Kurfürstenstraße steht das Brothers für exquisite Gastronomie. Küchenchef Daniel Bodamer, zu dessen vorherigen Stationen auch das Tantris gehört, steht für handwerkliche Perfektion in der Küche. Ebenfalls dem Tantris entwachsen ist Sigi Schelling, die ihrer kulinarischen Linie im Werneckhof weiter treu bleibt: Geradlinig und ohne Spielereien definiert sich ihre Küche. Mittags gibt es einen Business Lunch mit drei oder vier Gängen, am Abend ein 5-Gänge-Menü. Mitten in Giesing kocht Florian Berger mit erstklassigen Produkten und tollem Service im „Gabelspiel“ groß auf, Sabrina Berger kümmert sich um den Service. Das vegetarische Menü bekommt man auf Vorbestellung.

Sterneköchin Sigi Schelling in weißer Kochjacke im Eingang ihres Restaurants Werneckhof.
Sigi Schelling – eines der wenigen weiblichen Gesichter der Sterne-Gastronomie – erkochte sich mit ihrer feinen Küche im Werneckhof einen Michelin-Stern.

Zwischen Tradition und Innovation

Das „Farm-to-table“-Prinzip wird im 1804 Hirschau konsequent umgesetzt. Was der Eigenanbau nicht hergibt, bezieht Küchenchef Lukas Adebahr, der einst bei Tohru Nakamura im Werneckhof kochte, von regionalen Erzeugern, zum Beispiel für sein Seeforellenfilet mit buttrigem Betepüree, dem er mit gerösteten Pistazien und Schnittlauch Biss und grüne Noten verleiht.

Auch in kulinarischen Fragen lohnt sich der Blick über die Stadtgrenze hinaus. Im Mountain Hub Gourmet am Münchner Flughafen – das Restaurant gehört zum Hilton Munich Airport – wird eine alpine, regional geprägte Küche serviert. Das heißt bei Küchenchef Marcel Tauschek: Saibling statt Steinbutt, Kaninchen statt Kobe-Rind. In Starnberg ist das Gourmetrestaurant Aubergine im Hotel Vier Jahreszeiten seit vielen Jahren eine feste Größe. Die Küche: international und saisonal. Seit 2014 hält das Aubergine unter Küchenchef Maximilian Moser einen Michelin-Stern. Und im Mind in Markt Indersdorf setzt Sabrina Fenzel seit 2023 auf Fine-Dining und hat sich dort 2025 ihren ersten Stern erkocht. Viele Zutaten wandern aus Sabrina Fenzels heimischem Garten direkt auf den Teller der Gäste im Restaurant.

München steht für Tradition und Innovation. Das gilt auch für die Haute-Cuisine. Zwischen kreativer Spitzenküche, regionalen Produkten und internationalem Einfluss entstehen Erlebnisse, die weit über ein „gutes Essen“ hinausgehen. Mit Leidenschaft, Präzision und Gastfreundschaft ist Münchens Gastronomie zweifelsohne eine der spannendsten in Deutschland.

Kunstvoll angerichteter Gang aus der Küche des Les Deux auf hellem Teller vor dunklem Hintergrund.
Raffiniert, geradlinig, französisch – so lässt sich die kunstvoll-kreative Ein-Sterne-Küche im Les Deux München wohl am besten beschreiben.

Wo Münchens Sterneküche zu Hause ist

Wer die Adressen dieses Beitrags auf einen Stadtplan überträgt, erkennt ein Muster. Die Spitzengastronomie verteilt sich nicht gleichmäßig über München, sie folgt den gewachsenen Wohnlagen.

Ein Schwerpunkt liegt in Schwabing: Tantris, Werneckhof und das Brothers in der Kurfürstenstraße liegen wenige Minuten voneinander entfernt. Ein zweiter zieht sich durch die Altstadt und das Lehel, wo das JAN im Museumsquartier, das KOMU am Marienplatz, das Les Deux an der Frauenkirche und der Showroom nahe dem Deutschen Museum zu finden sind. Dazu kommt die Maxvorstadt mit dem Sparkling Bistro in der Amalienpassage.

Das ist mehr als eine Beobachtung für Feinschmecker. Eine solche Dichte entsteht dort, wo genug Menschen wohnen, die sie regelmäßig tragen, und wo Gastronomen bereit sind, hohe Mieten für die richtige Adresse zu zahlen. Beides sind Kennzeichen stabiler Lagen und damit Argumente, die für exklusive Wohnadressen in München ebenso gelten wie für die Restaurants selbst.

Bemerkenswert sind die Ausnahmen. Das Gabelspiel in Giesing zeigt, dass Spitzenküche längst nicht mehr nur in den etablierten Vierteln funktioniert, sondern Lagen erschließt, die lange als unauffällig galten. Erfahrungsgemäß folgt die Aufwertung eines Viertels solchen Signalen, sie geht ihnen selten voraus. Und mit der Aubergine im Hotel Vier Jahreszeiten reicht die Gourmetlandschaft über die Stadtgrenze hinaus bis nach Starnberg, wo Seenähe und die kurze Verbindung nach München seit Jahrzehnten zusammenkommen.

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